Gustav Lindenthal,
der berühmte Brückenbauer der Jahrhundertwende, ein Brünner.

Die Brünner Lindenthals kommen von Klein-Mohrau am Spieglitzer Schneeberg im Quellgebiet der March, vom Rand des Glatzer Kessels. Dort wurde am 22. April 1775 Dominik Lindenthal geboren. Da er viele Geschwister hatte, wurde es ihm am Bauernhof bald eng. Er erlernte das Tischlerhandwerk und ging auf Wanderschaft. Um die Jahrhundertwende arbeitete er in Brünn, wurde hier seßhaft und heiratete im Jahre 1802 die Tochter des Freskenmalers Schabarth. Er wurde Zunfttischlermeister. Nach einigen älteren Geschwistern kam am 3. August 1818 ein Knabe zur Welt, der auf den väterlichen Namen Dominik getauft wurde. Dieser Dominik wurde ebenfalls Kunsttischler und heiratete am 19. Feber 1849 eine Brünner Bürgerstochter. Die Sippe Lindenthal besaß um 1850 Grundstücke an der Feldgasse und an der Wenzelsgasse, der späteren Wienergasse. Dort standen drei Häuser, deren mittleres das junge Paar bewohnte. Die Ehe war mit neun Kindern gesegnet, das erste davon war Gustav Lindenthal, dessen Lebenslauf hier geschildert werden soll.

Ihn zog es hinaus. Zuerst lernte er mauern und zimmern, dann schaute er sich in der Wannieckschen Eisengießerei und Maschinenfabrik um. Bald aber machte er sich auf eigene Faust auf den Weg nach Wien und zum Eisenbahnbau in die Schweiz . Vor der Ferne scheute er sich nicht, denn sein Vater hatte ihn bereits 1864 zur Pariser Weltausstellung mitgenommen, das hatte seine Neugier geweckt. Mit 24 Jahren fuhr er hinüber in die Neue Welt und arbeitete sich dort erstaunlich schnell hinauf in leitende Positionen. Wir zitieren aus einer Österreichischen Illustrierten von etwa 1950: »Zu Unrecht vergessen – Er war ein Österreicher ... Gustav Lindenthals Traum von den großen Brücken. Auf einem Auswandererschiff war er 1874 nach Amerika gekommen ... . Ein Mann, zwar erst 24 Jahre alt, der aber mehr gelernt hatte, als nur Stein auf Stein zu legen und den Mörtel aufzutragen. Doch wer fragte danach in der Neuen Welt?

„Gustav Lindenthal, in Brünn geboren, Absolvent der Technik“ las der Einwanderungsbeamte, als er den Paß des Österreichers prüfte. 1874 in Amerika. Um wie viel weiter war man damals schon in der Neuen Welt! Das Zeitalter der großen technischen Umwälzungen, das sich im alten Europa allmählich vorbereitete, zeitigte jenseits des Ozeans schon seine ersten gigantischen Erfolge. Schienenstränge von hunderten Kilometern Länge verbanden die Städte, die ersten Botschaften vermittelte der Telegraph, und in den Eisenwerken floß der zähe Strom des weißglühenden Stahls! Stahl – wie ein Magnet zog dieser Stoff den jungen Brückenbauer aus Österreich an. Und niemand ahnte, welche gewaltigen Pläne der Mann schmiedete, der als Maurer sein Brot verdiente. Träume aus Stahl! ... – Amerika mag viele Fehler haben, den Fehler des hemmenden Vorurteils jedoch kann man ihm nicht anlasten. So geschah es, daß der Maurer aus Österreich eines Tages als Berater der berühmten Pennsylvania-Eisenbahn-Gesellschaft die Pläne für die erste große Stahlbrücke dieses Unternehmens entwarf. Und das Werk entsteht! Donnernd fahren die Eisenbahnzüge darüber, Millionen Tonnen von Lasten werden über dieses Wunder der Technik geschleust. Der Name „Lindenthal “ ist plötzlich bekannt ...

1890 sitzt der Ingenieur, der nun endgültig die Maurerkelle mit dem Zei­chenbrett vertauscht hat, im Vor­stand der Brückenbauabteilung der Stadt New York und baut Tunnels, richtet neue Schienenwege, rekonstruiert die Brooklyn-Brücke. In der Folge der Jahre ruft man ihn überall hin, um sein Urteil zu hören, wenn eine Stahlbrücke aufgestellt werden soll, wenn die technischen Schwierigkeiten unüberwindlich zu sein scheinen. Es entstehen die Kentucky-Brücke, die Ohio-Brücke, die Hellgate-Brücke, die den gewaltigen East River überspannt. Die Menschen von Manhattan haben nun einen direkten Weg nach Long Island. 50 m über dem Wasserspiegel können gleichzeitig vier Züge in beiden Richtungen verkehren. Das alles wäre längst genug, um das Leben eines einzelnen Mannes auszufüllen. Aber Gustav Lindenthal kommt nicht zur Ruhe. Seit 1885 plädiert er für den Bau einer Hudson-Brücke, die allerdings erst 1927 entsteht.

1935 starb Lindenthal hochbetagt. Heute ist er in Österreich fast schon vergessen. – Nur die amerikanischen Kinder lernen seinen Namen als den eines genialen Gestalters. «

Gustav Lindenthal war gewiß ein genialer Denker. Aber er war auch ein guter Handwerker und ein begnadeter Organisator. Als Mauermann hatte er kurz nach seiner Ankunft in Nordamerika mitgear­beitet am Aufbau der Hallen zur Hundertjahrfeier der amerikanischen Unabhängigkeit in Philadelphia. Er machte einen Entwurf für eine stählerne Kuppel über der Haupt-Festhalle , und tatsächlich wurde seine diese auch gebaut. Als ein Brand die Hauptzufahrtsbrücke zum Ausstellungsgelände zerstörte und dadurch deren Eröffnung gefährdet war, richtete Gustav Lindenthal die Brücke in wenigen Tagen termingerecht wieder auf. Auch andere große Unternehmungen verstand er zu meistern: Eine der großen Ost-West-Eisenbahnen sollte von ihrer nicht genormten eigenen Spurweite umgenagelt werden auf Normalspur. Gustav Lindenthal organisierte diese Arbeit so, daß mehrere Hundert Meilen binnen eines Tages umgeschlagen wurden. Dadurch mußte der Zugverkehr nicht lange ruhen.

Gustav Lindenthal ließ den Kontakt mit seiner Familie und mit Brünn nicht abreißen. Seine begeisterten Berichte aus der Neuen Welt zogen auch den zehn Jahre jüngeren Rudolf sowie den jüngsten Bruder Dominik über den Atlantik. Dort war Gustav schon ein angesehener Mann und konnte seinen Brüdern hier und da den Weg bereiten. Der jüngste Bruder Dominik arbeitete an kubanischen Hafenanlagen, der mittlere Bruder Rudolf wurde Möbel- und Tabakpfeifenfabrikant.

Im Stadtbild Brünns und auch im gesellschaftlichen Leben nahm man die berufliche Tätigkeit des Brückenbauers Gustav Lindenthal freilich kaum wahr. Spät, als er bereits eine „Eminenz des Brüc­kenbaues“ war, nachdem er mit der Höllentorbrücke in New York (1917) berühmt geworden war, als man ihm die Ehrendoktorwürden der Technischen Hochschule Dresden (1911), der Deutschen Technischen Hochschule zu Brünn (1921) und der Technischen Hochschule Wien (1926) antrug, wurde er selbstverständ­lich auch in der Brünner Öffent­lichkeit geehrt.

Quelle: Kompendium „Hundertjahrfeier Mährischer Ausgleich“ Seiten 195 bis 222.. Der dortige Bericht enthält auch ausführliche und reich bebilderte Schilderungen über die damalige Brückenbautechnik und die Lindenthalsche Technik im besonderen. Erschienen im Eigenverlag der BRUNA – Heimatverband der Brünner e.V. – Bezug durch Einsendung von € 18.- auf das Konto BRUNA / BHB bei der Postbank Stuttgart, Nr.134 024 705 (BLZ 60010070) Kennwort „MA2005“ (Aus dem €uro-Ausland: IBAN DE67 600 100 700 134 024 705 und BIC PBNKDEFF). Bitte Postanschrift sicherheitshalber auch mitteilen an BHB-Versand@Bruenn.org

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