"Das deutsche Brünn in Sprache, Wissen und Kunst"

Das das deutsche Kulturleben in Brünn ist ein derart umfangreiches Thema, daß hier nur ein kleiner Ausschnitt gebracht werden kann.

Was bedeutet denn eigentlich "Kultur"? Eine verkürzte Definition aus dem Brockhaus besagt: Kultur umfaßt die Lebensformen und geistigen Aktivitäten eines Volkes oder einer Volksgruppe. Dabei unterscheidet man sieben Hauptgruppen der Kultur: Politik, Recht, Religion, Sitte, Kunst, Sprache und Wissen. Das ist sehr umfassend; im Alltag versteht man eigentlich unter "Kultur" lediglich "Kunst" , "Sprache" und "Wissen".

Daher werden hier nur diese drei Hauptgebiete behandelt, wobei die "Sprache" nur gestreift wird. Bei den Gebieten “Wissen” und "Kunst" werden nur einige Bereiche herausgegriffen und solche bevorzugt, zu denen Brünn-Kenner noch Erinnerungen bewahrt haben.

Zur "Sprache" gehören die schriftstellerischen, dichterischen und lyrischen Äußerungen. Da hier "Sprache" nur gestreift werden soll, kann auf Brünner Schriftsteller, wie z.B. Oskar Jellinek, Emmy Leitner, Karl Norbert Mrasek, Robert Musil, Karl Hans Strobel und Reinhard Pozorny, um nur einige zu erwähnen, im einzelnen nicht eingegangen werden.

Auch bedeutende Dichter und Lyriker aus Brünn und dem Umfeld, wie Greta Bauer-Schwind, Maria Hauska, Maria Müller-Indra, Richard Schaukal, der Mödritzer Johann Gunert, können lediglich aufgezählt werden, einschließlich der jüngsten, viel zu früh verstorbenen Brünner Lyrikerin Jolande Zellner-Regula, die u.a. die unvorstellbare Zahl von über 1400 Sonetten geschaffen hat.

Das Hauptgebiet "Wissen".

Wissen wird vermittelt durch das Schulwesen. Den Boden für das weitgefächerte kulturelle Leben Brünns bildete das umfangreiche Schulwesen. Es zeichnete sich durch das altösterreichische System aus, das den Schülern ein vorzüglich fundiertes, solides Wissen vermittelte. In Brünn gab es zuletzt:
34 Volks- und Bürgerschulen
5 Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen
1 Jüdisches Realgymnasium (in dem ab 1928 tschechisch unterrichtet wurde)
1 Handelsakademie
1 Öffentliche Handelsschule
1 Lehrerbildungsanstalt
1 Volkshochschule
1 Höhere Staatsgewerbeschule, (heute wohl “Fachhochschule für Ingenieure”)
1 Textil-Ingenieurschule und
1 Technische Hochschule.

Die drei letztgenannten Schulen brachten ausgezeichnet ausgebildete Ingenieure hervor.

Die wichtigsten dieser Schulen wurden in Zeitraum von etwa 1860 bis 1900 gegründet - unter den deutschen Bürgermeistern Christian d'Elvert, Alfred Skene, Dr.Karl von der Straß und Gustav Winterholler.

Die Deutsche Technische Hochschule war ein Bollwerk des Deutschtums, daher wurde sie auch oft von den Tschechen angegriffen und vom Staat benachteiligt. Diese Hochschule hatte einen erstklassigen Ruf, sie war besetzt mit hervorragenden Lehrkräften aus Österreich und Deutschland und brachte zahlreiche bedeutende Wissenschaftler und Forscher hervor.

Das Hauptgebiet "Kunst"

Zur "Kunst" zählt die darstellende- und bildende Kunst, die Architektur, die Malerei, die Bilhauerei, die Musik und das Theater.

Künstlerische Leistungen der Brünner Deutschen können wir schon bis ins Mittelalter verfolgen. Besonders erhalten gebIieben sind in Brünn Bauwerke oder Reste solcher, sowie Skulpturen, Fresken und Schnitzwerk, und das vor allem in Kirchen, aber auch an und in Profanbauwerken.

Die zahlreichen bedeutenden Bauwerke Brünns sowie ihre reiche Ausgestaltung sind fast durchweg von deutschen Künstlern ausgeführt worden. Auftraggeber waren meist die Kirche oder kirchliche Orden, die deutsche Stadtverwaltung oder wohlhabende deutsche Brünner Bürger.

Wir wollen das anhand eines gedanklichen Spazierganges zu verschiedenen Kunstwerken der einzelnen Bau- und Stilepochen in Brünn darstellen:

Aus der Stilepoche der Romanik ist nicht mehr allzuviel erhalten geblieben: der älteste Teil des Kreuzgangs des Dominikaner-Klosters von etwa 1230. Er liegt unter dem heutigen Neuen Rathaus. Zu dieser Zeit entstand ebenfalls der Kern des Alten Rathauses. Auch der erste monumentale Ausbau der Brünner Burg auf dem Spielberg ist in jener Epoche beendet worden (1278).

Im Stil der Gotik ist die großartige St.-JakobsKirche erbaut. Sie war die Kirche der Deutschen, der Rheinländer und der Flamen. Der ursprünglich frühgotische Bau (von etwa 1220) ist im 15. Jahrhundert einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Danach wurde die Kirche etwa zwischen 1480 und 1520 spätgotisch als dreischiffige Hallenkirche wieder errichtet. Besonders beeindrucken die monumentale innere Gesamtläge von 64,5 m, das 30 m hohe Netzgewölbe, das von 18 Bündelpfeilern getragen wird. Welch eine kolossale architektonische und statische Leistung. Diese Jakobskirche ist ein sichtbares Zeichen des erstarkten deutschen Bürgertums. Der berühmte Baumeister und Bildhauer Anton Pilgram,um 1460 in Brünn geboren, von 1502 - 1511 Hüttenmeister bei St.Jakob, gestaltete das Netzgewölbe des Mittel- und Nordschiffes. Das Netzgewölbe des Presbyteriums stammt von der Parlerschule.

Im Jahre 1510 schuf Anton Pilgram das reich verzierte Portal des Alten Rathauses mit der Justitia und der Waage der Gerechtigkeit und der auffallenden, verbogenen Mittel-Fiale.

Anton Pilgram wurde 1511 zur Übernahme der Bauhütte des Stephans-Doms und zur Aus-schmückung des Innenraumes nach Wien berufen. Dort hat er den Orgelfuß und die weltberühmte Kanzel geschaffen, in deren Fuß er eine Selbstdarstellung in einem Fenster anfertigte, den sogenannten "Fenstergucker”. Anton Pilgram hat auch in der Patenstadt der Brünner Deutschen, in Schwäbisch Gmünd gewirkt. Im Heilig-Kreuz-Münster fertigte er das Portal zur Sakristei an. Es ähnelt in kleinerem Umfang dem Portal des Alten Rathauses in Brünn - einschließlich der am oberen Ende gebogenen Mittel-Fiale.

Als drittes Bauwerk aus der gotischen Zeit ist die große Altbrünner Klosterkirche der Zisterzienserinnen zur “Himmelfahrt Mariens" zu nennen, die in der schlesischen bzw. norddeutschen Backstein-Bauweise (Klinker-Sichtmauerwerk) errichtet wurde. Die Kirche hat keinen Turm - wie es der Bauweise der Zisterzienser entspricht.

Ursprünglich ebenfalls im gotischen Stil wurde im Jahre 1350 die Thomas-Kirche erbaut, und zwar von der Parler-Hütte. In dieser später barockisierten Kirche befindet sich aus jener Zeit eine gotische Pieta die Heinrich Parler, einem Neffen oder Vetter Peter Parlers, zugeschrieben wird. Geboren wurde der berühmte Dombaumeister Peter Parler 1330 in Schwäbisch Gmünd. Als 23-jähriger wurde er von Kaiser Karl IV. zur Vollendung des St.-Veits-Domes auf dem Hradschin nach Prag gerufen.

Überspringen wir 100 Jahre.

Wir kommen zur Renaissance. Diese Kunstrichung kam aus Italien. Sie zeichnete sich durch weitgespannte Arkaden in mehreren Geschossen, reiche Portale und verzierte Erker aus. In diese Stilepoche fällt der Turmhelm des Alten Rathauses sowie dessen Hoftrakt mit den Arkaden, die von Pietro Gabri und Antonio Silva stammen. Damals entstand auch um etwa 1580 der jüngere Teil des Kreuzgangs des Dominikaner-Klosters sowie das Neue Rathaus.

Lenken wir unseren Blick auf ein bedeutendes vierstöckiges Patrizierhaus auf dem Großen Platz: Das Palais Schwarz, Haus Nr.17. Der zweifellos wohlhabende Bauherr Christoph Schwarz war Weinkaufmann - offenbar hat man schon damals in Brünn gern Wein getrunken. Er hatte das alte gotische Haus von Čeněk von Lípa erworben und abreißen lassen. Der Neubau wurde um 1510 von dem italienischen Baumeister Antonio Gabri ausgeführt. (Daß der Magistrat den Bauherrn unterschlägt und unter dem Dachfirst an der Fiktion eines Hauses derer “von Lípa” festhält, ist bemerkenswert.)

Die halbrunden Erker des Palais sind mit Reliefen von Weintrauben und Einzelheiten der Weinlese geschmückt. Der Hof ist von wunderbaren Arkaden umgeben, die Giorgio Gialdi geschaffen hat. Die heutige gelbbraune Sgraffito- Fassade stammt aus 1938.

Auch das monumentale Palais des Kardinals Fürst Dietrichstein am oberen Ende des Krautmarkts, das heutige Mährische Landesmuseum, stammt aus jener Zeit; es wurde von dem Italiener Giovanni Giacomo Tencalla errichtet.

Weitere 100 Jahre später.

Wir wenden uns der Barockzeit zu. Dieser aus Österreich übernommene Baustil ist in Brünn zahlreich vertreten.

Das Kapuziner-Kloster wurde von dem aus Norditalien stammenden Andrea Erna in frühbarockem Stil gebaut. Erna war auch der Schöpfer der Magdalena-Kirche in der heutigen Masarykstraße.

Der bedeutendste Barockbaumeister unserer Heimatstadt war Moritz (Mauritz) Grimm. Er kam aus Landshut in Bayern. Aus der Vielzahl seiner Bauwerke seien nur die markantes-ten erwähnt.

Grimm barockisierte von 1722 - 26 die Loretto-Kapelle und die Heilige Stiege im Auftrag der Minoriten und anschließend baute er die Minoriten-Kirche um, wobei er den drei-schiffigen gotischen Bau in einen einschiffigen saalartigen Raum mit Kapellennischen umgestaltete .

Im Auftrag der Augustiner-Chorherren barockisierte Moritz Grimm ab 1731 die Thomas-Kirche mit dem Kloster und der Prälatur; deren Portal wurde mit Statuen der Mährischen Markgrafen Johann und Jodok (Jobst) vom Bildhauer Josef Leonhard Weber geschmückt. Der Hauptaltar wurde damals von Josef Winterhaider d.Ä. und Pranz Anton Maulpertsch geschaffen.

Um das Jahr 1740 barockisierte Grimm den St.-Peter-und-Paul-Dom, der übrigens 1909 von Augustin Kirstein wieder regotisiert wurde und erst dann die heutigen Türme erhielt.

Die schönste Brünner Barock-Kirche, die Jesuiten-Kirche, ist von dem Wiener Barockbau-meister Johann Georg Schauberger umgebaut worden.

In der Zeit des Barock entstanden in Brünn herrliche Bildhauerwerke, Brunnen und Statuen sowie farbenprächtige Fresken in den meisten Kirchen.

Der mächtigste Brunnen ist der prachtvolle Parnaß-Brunnen auf dem Krautmarkt errichtet 1693 - 95 nach Zeichnungen von Johann Bernhard Fischer von Erlach unter Mitwirkung des Steinmetzmeisters Bernhard Höger. In Allegorien werden die vier Jahreszeiten dargestellt und inmitten der Grotte sieht man Hercules mit dem gefesselten Wächter der Unterwelt, dem Hund Zerberus, und auf der Grotte ragt eine Skulptur der Europa in die Höhe ! Ja, so europäisch hat Fischer von Erlach schon gedacht.

Ein anderer Brunnen, der Merkur-Brunnen, der heute im Domhof bzw. Garten des Mährischen Landesmuseums steht, wurde zur gleichen Zeit von Ignaz Bendel aus Wien als Stiftung der Brünner Kaufleute geschaffen; ursprünglich stand er auf dem Großen Platz. Auf diesem blieb nur noch die Pestsäule von 1680 erhalten, an der die weniger bekannten Bildhauer Pfaunder, Pröbstl und Frobe gearbeitet hatten.

An Statuen sind weiter zu erwähnen die Heiligen-Figuren vor der Kapuziner-Kirche von Johann Adam Kesmann, sowie die Heiligen-Figuren auf der Terrasse am Dominikanerplatz von Josef Winterhaider d.Ä. und Andreas Zahner.

Die zahlreichen Maler, die in der Barockzeit in Brünn gewirkt haben, kann man gar nicht aufzählen. Einen wollen wir herausgreifen: es ist der Brünner Johann Georg Etgens, der die phantastischen Deckenfresken in der Minoriten-Kirche schuf sowie weitere in den Kirchen von Wranau, Kiritein und Raigern.

Wieder 100 Jahre später –

im 19. Jahrhundert wurde die Stadt im Sinne neuer urbanistischer Pläne umgebaut und ausgebaut. Da entstand eine große Anzahl wertvoller Bauwerke, die überwiegend von Wiener Architekten projektiert worden sind.

Ludwig Förster und Theophil Hansen schufen 1848 das Kleinsche Palais auf dem Großen Patz, Haus Nr. 15. Die Bauherren Gebrüder Klein waren die Eigentümer der Eisenwerke von Sobotin bei Mährisch Schönberg. Darauf ist die erstmalige Verwendung von gußeisernen architektonischen Elementen zuriickzuführen. Die Erker werden nämlich von gußeisernen Statuen getragen. Dieses Palais gibt einen der ausdrucksvollsten und eigenartigsten Versuche bei der Entwicklung eines eigenen Stiles wieder - eine denkwürdige Architektur von mitteleuropäischer Bedeutung.

Förster baute ferner die Realschule in der Johannesgasse (1851) und 1855 den Restaurant-Pavillon im Augarten. In jene Zeit fällt auch der Neubau des Humanistischen Gymnasiuns durch Eduard van der Nüll; dieses älteste Gymnasium Brünns geht auf das Jesuiten-Gymnasium von 1578 zurück, für welches damals Philipp Melanchthon den Stundenplan aufgestellt hat. Und der rote Backsteinbau der Evangelischen Kirche wurde 1865 durch Heinrich Ferstl errichtet, dem Erbauer der Votiv-Kirche in Wien. (Siehe Anhang)

Der schon genannte Theophil Hansen hatte 1867 das St.Anna-Spital in der Bäckergasse neu gebaut und 1872 - man höre und staune - auch das tschechische Kultur-und Gesellschafthaus "Besední dům" sowie das benachbarte "Pražák-Palais" in der Husstraße gestaltet.

Das imposante Landtagsgebäude in der Jodokstraße stammt von Robert Raschka und Anton Hefft, etwa aus 1877.

Brünns prächtiges Stadttheater wurde 1881 - 82 aus freiwilligen Spenden deutscher Bürger von den Wiener Architekten Feilner und Helmer errichtet; die wunderschöne Innenaus-schmückung stammt vom Österreicher Theodor Friedl.


In jener Zeit des Aufblühens der Industrie, des Gewerbes und des Handels zeigte sich die Notwendigkeit, eine würdige Stätte des geselligen und geistigen deutschen Lebens zu schaffen. Unter zielbewußter Führung durch den Industriellen Friedrich Wanieck wurde - gemeinsam mit namhaften deutschen Vereinen - der EntschluB gefaßt, ein Repräsentationsgebäude, das "Deutsche Haus" zu bauen. Es wurde 1889 - 91 von den Berliner

Architekten Ende und Böckmann im Stil der deutschen Spätrenaissance als roter Backsteinbau ausgeführt.


Die monumentale Vorhalle führte zu der großen Freitreppe, die von zwei mächtigen Statuen flankiert wurde, die die Quadenfürsten "Gabin" und "Vanius" darstellten; nach einer anderen Version soll einer der beiden den Markomannenkönig "Marbod" dargestellt haben. Gestaltet wurden die beiden Statuen von dem Brünnen Bildhauer Karl Wollek.

Und zuletzt um die Jahrhundertwende begegnen wir dem Jugendstil an vielen reich dekorierten Fassaden. So z.B. an goldgeschmückten Fassaden in der Minoritengasse.

Aber auch das sogenannte "Mamlassenhaus" auf dem GroBen Platz, Haus Nr.10, offiziell das "Haus der 4 Karyatiden" oder der "Vier Atlanten" ist zu erwähnen. Es wurde 1901 als Wohnhaus von der Stiftung Gerstbauer von A. Prasdorfer errichtet.

Lieber Besucher dieser Seiten, wenn Sie bis hierher gelangten, dann haben Sie Interesse für die (deutsche) kulturelle Geschichte Brünns bewiesen; zugleich aber auch mit Geduld die Vielzahl bedeutender Bauten, Baustile und Namen aus nahezu 700 Jahren Kulturgeschichte Brünns zur Kenntnis genommen. Den AbschluB dieses Abschnittes soll ein Zitat von Waldner aus dem Jahrbuch der Stadt Brünn von 1940/41 bilden: "Deutsch war die Kunst, die hier gedieh. Deutsch war die Kraft, durch die das Stadtbild geformt wurde. Deutsch waren die Künstler, die durch ihren Geist und ihre Fertigkeit die Bauwerke schufen, schmückten und zierten".

Mit dem Ausgang des 1.Weltkriegs änderte sich alles. Mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik verlor Brünn seine deutsche Mehrheit. Ein politischer und wirtschaft-licher Umbruch war die Folge. Das bisher dominierende deutsche Kulturleben erlitt einen schweren Schlag.

Der Brünner deutschen Gesellschaft war das Gefühl einer nationalen Bedrohung, einer nationalen Katastrophe zugewachsen, hervorgerufen auch durch die Entfernung des Denkmals Kaiser Josef II. vor dem Deutschen Haus und zahlreicher weiterer Standbilder durch die neuen tschechischen Herren.

Der erschütterte Friedrich Wanieck, Initiator und Förderer des Stadttheaters und Deutschen Hauses, Mitbegründer und Mitinhaber der I.Brünner Maschinenfabrik, resignierte. Er verließ seine Fabriken und zog nach Kärnten, wo er 1919 starb. Er war ein großer Mäzen der Künstler. In seinem Haus am Dornrössel war er oft Gastgeber für Künstler, wie den Komponisten Anton Bruckner, die Bildhauer Karl Wollek und Karl Korschann sowie den Architekten Prof.August Prokop.

Ein schwerer Schlag für das deutsche Kulturleben war die Wegnahme unseres deutschen Stadttheaters; gleich nach dem Umsturz wurde das deutsche Theaterpublikum während einer Abendvorstellung mit Gewalt aus dem Hause gejagt. Gnadenweise wurde den Deutschen später gestattet, das Theater an einem Tage der Woche, später an zwei Tagen der Woche zu benützen.

Allmählich erholte sich das kulturelle Leben von dem Schock. Über die Aktivitäten der Brünner Künstler aus der Zeit zwischen den Weltkriegen haben wir zu wenig Kenntnis. Kenner der deutschen Kunstszene - soweit sie die Vertreibung überlebt haben - gibt es heute nicht mehr.

Glücklicherweise hat sich aber kürzlich eine andere beachtliche Informationsquelle eröffnet: Die stellvertretende Direktorin der heutigen Mährischen Galerie, Frau Dr. Jitka Sedlářová hat über die deutsche Kultur in Brünn zwischen 1918 und 1938 eingehend recherchiert und das Ergebnis ihrer Untersuchungen im Bulletin Moravské Galerie vom Jahre 1993 veröffentlicht. Für diese Arbeit ist ihr volle Anerkennung zu zollen.

Sie stellt gleich einleitend fest: "Der Versuch, die Brünner deutsche Kultur zwischen den Weltkriegen zu bewerten, ist immer noch riskant. Es fehlen die Archive des Deutschen Hauses, des Künstlerhauses, des "Mährischen Künstlerverbandes" und der “Vereinigung der deutschen gestaltenden Künstler in Mähren und Schlesien". Die Kunstgegenstände dieser Institutionen wurden z.T. vernichtet, gingen aber z.T. auch im April und Mai 1945 verloren".

Eine maßgebende Rolle im deutschen Kulturleben Brünns spielte damals die "Deutsche Geselschaft für Wissenschaft und Kunst". Präsident des wissenschaftlichen Kuratoriums war Professor Dr.Hugo Iltis. Gegen ihn richteten sich antisemitische Angriffe. Frau Dr. Sedlářová berichtet, wie eindeutig prodeutsch Prof. Iltis bei der Gründungsversammlung gesprochen hat. Sie zitiert seine Worte: "Heute sind wir allein, abgetrennt vom großen deutschen Volk. Wir müssen uns vereinen, damit wir deutsche Kultur, deutsches Wissen und Können bewahren". So sehr war, zumindest ein großer Teil des deutschen Judentums Brünns, der deutschen Kultur verbunden.

Zu den Aufgaben der "Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst" gehörte u.a. der Erhalt des Orchesters des früheren deutschen Stadttheaters.

Von der gleichen Gesellschaft wurde im Jahre 1921 die Brünner Volkshochschule gegründet, deren Leitung Prof.Iltis übernahm.

Frau Dr. Sedlářová berichtet über diese Einrichtung: Es wurden Bildungsvorträge in Geschichte, Literatur und Theater angeboten, aber auch in (linksorientierter) Politik. Im Rahmen der Bildenden Künste wurde Malerei, besonders Portraitmalerei gelehrt. Diesen Zweig leitete Otto Pletter, ein flotter Maler und Zeichner, der später nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland nach London ging und sich dort als antifaschistischer Karikaturist betätigte.

1931 konnte die Volkshochschule in ein eigenes Gebäude umziehen, das nach einem Entwurf des Architekten Heinrich Blum mit Geldern aus der Arnold-Skutetzky-Stiftung errichtet wurde. Skutetzky war bis 1924 Präsident des künstlerischen Kuratoriums der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst und mitverantwortlich für das hohe kulturelle Niveau dieser Vereinigung. Er besaß eine wertvolle Samrnlung alter Meister, die er der Mährischen Galerie vermachte. Das waren viele Werke italienischer und niederländischer Meister aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Sie sind heute noch dort zu sehen.

Zu den von der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst geförderten jungen Künstlern des deutschen Brünn gehörte auch der Architekt und Bildhauer Otto Ernegg, der Schöpfer der Goethe-Medaille die 1932 zum hundertsten Todestag des Dichters herausgegeben wurde. Ernegg ist übrigens 1931 mit einem Stipendium der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst auf eine Studienreise nach Italien gereist.

Auch der Deutsche Akademikerverband an der Deutschen Technischen Hochschule hat 1932 Goethe rnit einer Festaufführung seiner "Iphigenie auf Tauris" im Stadttheater mit Spitzen-kräften aus Deutschland und Österreich geehrt.

Für das tschechische Staatsjubilum 1928 plante die Deutsche Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst eine Ausstellung der zeitgenössischen Kunst in einem eigenen deutschen Pavillon auf dem Ausstellungsgelände. Den Pavillon entwarf Prof. Vinzenz Baier von der Deutschen Technischen Hochschule, die Innenausstattung entwarfen der Architekt Zoltan Egri und der Reichenberger Prof. Othmar Fraas. Die Seitenfassaden schrnückte der Brünner Bildhauer Karl Korschann mit Frauenfiguren; Korschann war Dozent an der Dt. Techn. Hochschule. In der Eingangshalle stand eine Masaryk-Büste, ebenfalls von Karl Korschann. Auf der Galerie des Pavillons stellten die Maler Bruno Beran, Gustav Böhm, Samuel Brunner, Oskar Spielmann, Karl Truppe u.a. ihre Bilder aus. Im gleichen Jahr kam es zu einer weiteren bemerkenswerten Begebenheit des deutschen Brünn: Prof. Iltis widmete der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst seine Erinnerungsstücke an Gregor Mendel. Damit legte er den Grundstein zum Mendel-Museum.

Zu den deutschen Mäzenen Brünns gehörte auch der bekannte Röntgenologe Dr.Gustav Prochaska. Er brachte 1930 den jungen Maler Sergio Pauser nach Brünn, der Familienportraits im Stile der neuen Sachlichkeit schuf.

Von den bedeutenden Architekten der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sind zu erwähnen Adolf Loos, der u.a. für den Zuckerfabrikanten Viktor Bauer in dessen Schlößchen auf der "Baurischen Rampe" im Bereich des Ausstellungsgeländes tätig war. Dann der ebenfalls außerordentlich befähigte Architekt Ernst Wiesner, der Geschäftshäuser, wie die Mährische Landesversicherung in der Mozartgasse, die Böhmische Union-Bank in der Beethovengasse oder die Mährische Landes-Lebens-Versicherung gegenüber dem Stadttheater und das Morava-Raus mit den Kino Kapitol entworfen hat. Von ihm stammt auch als ein Höhepunkt das Krematorium beim Zentralfriedhof in Funktionalistischem Stil.

Nicht unerwähnt bleiben darf der welberühmte, aus Aachen stammende Ludwig Mies van der Rohe, der die sehenswerte "Villa Tugendhat” in den Schwarzen Feldern entworfen und ausgeführt hat. Ein weiterer erfolgreicher progressiver Architekt war Otto Eisler. Wiesner, Eisler und Böhm gehörten zur Brünner Architekten-Avantgarde.

Dem Bericht von Frau Dr. Sedlářová sei noch einiges angefügt. Zu erwähnen sind die Architektur-Professoren der Deutschen Techn. Hochschule, wie Leopold Hrach, der u.a. die Handelsakademie in der Husstraße schuf, sowie aus der jüngeren Architektengeneration Heinrich Fanta, Vinzenz Baier, Tranquillini und Emil Leo. Professor Leo war in Brünn nach 1939 städtebaulich vorbildlich tätig und wurde nach der Vertreibung Stadtbaudirektor in Aalen.

Es gab in Brünn eine Reihe weiterer, bisher nicht erwähnter bedeutender Maler, wie Rudolf Leger, Prof. August Potuczek, Carl Maria Thuma, Hans Friedrich Wacha, Otto Neudert und.

Homolatsch.Und damals zeichnete sich auch schon die Begabung von Hans Plenert ab.

Zu den Brünner Bildhauern gehört auch Anton Hanak, der obwohl in Brünn geboren, in Wien wirkte.

Auch das musikalische Leben Brünns gilt es zu betrachten.

Da war der Chordirektor Otto Hawran, Chorleiter des Lehrer-Gesangsvereins, oft in Zusammenarbeit mit dem"Brünner Männergesangsverein", der u.a. als erstes Konzert 1930 die Matthäus-Passion von Bach zur Aufführung brachte. Professor Carl Frotzler war an der "Brünner Musikakademie" tätig. Der Brünner Erich Wolfgang Korngold, der bereits mit elf Jahren als Wunderkind mit Kompositionen an die Öffentlichkeil trat. Als Pianist und Komponist wirkte er in Hamburg und Wien und nach seiner Emigration in Hollywood.

Ferner Fritz Mareczek, der Kapellmeister des Stadttheaters, Komponist und Chormeister der Wickenhauser Gerneinde.

Wickenhauser war übrigens Chordirigent des Brünner Männergesangsvereins. Dann sind zu erwähnen Bruno Weigl, Komponist und Musikwissenschaftler und der Komponist Prof.Wizina der als Nachfolger von Pof.Frotzler an der Brünner Musikakademie wirkte. Auch der Komponist Fritz Weiser ist zu erwähnen. Der Musikpädagoge Prof.Richard Wallisch war auch Kapellmeister und Chorleiter der “Akademischen Sängerschaft Markomannia" an der Deutschen Technischen Hochschule Brünn.

Weitere Vereinigungen zur Pflege der Musik waren u.a. der "Brünner Schubertbund", die "Mozartgemeinde", der "Brünner Wagnerverein”, sowie eine große Zahl von Gesangsvereinen, Streichquartetten und die “Brünner Philharmoniker". Zu den Gastdirigenten dieses Orchesters zählten u.a. der damalige Direktor der Wiener Hofoper, Felix von Weingartner, Bruno Walter und - als einer der Höhepunkte des Brünner Musiklebens - Richard Strauß.

Und schließlich darf das vielfältige Briinner Theaterleben nicht unerwähnt bleiben. Die Brünner waren ein begeistertes Theaterpublikum. Die Opern im Stadttheater waren meist ausverkauft. Schauspiele wurden in der Redoute am Krautmarkt gespielt. Darüber hinaus bot das Deutsche Haus mit seinem imposanten Großen Saal und dessen berühmter RiegerOrgel eine vielseitige Verwendung für Lustspiel, Komödie, Operette, Konzert und für rauschende Gesellschaftsbälle.

Das Brünner Theater war für so manchen Schauspieler und Sänger das Sprungbrett für eine Laufbahn auf großen Bühnen der Welt, wie Wien, Berlin, Zürich und sogar der New Yorker Metropolitan Opera. Hier sei an die unvergessenen Weltstars Maria Jeritza und Leo Slezak erinnert. Die Schlußwertung kann nur lauten:

Es ist eindrucksvoll, was alles an kulturellen Werten diese kleine Stadt Brünn bzw. ihre aufgeschlossenen Deutschen hervorgebracht haben.

Auf diese Väter und Vorfahren, die von einem zielstrebigen, leistungsfreudigen Pioniergeist getragen waren, kann jeder Brünner stolz sein.

Nach einem Vortrag von Dr.-Ing.Helmut Schneider
gehalten im Jahre 1996

Literatur:
Waldner, Wolfgang F.: Das deutsche Brünn; ein Beitrag zur kulturhistorischen Entwicklung der Landeshauptstadt Mährens. (BRUNA, Heimatverband der Brünner in Deutschland e.V. Stuttgart 1980)
"Eine Stadt als Vermächtnis; das Buch vom deutschen Brünn". "BRUNA" Heimatverband d.Brünner in Deutschland e.V., Stuttgart 1958
Stehlik, Miloš: Brno historické (Das historische Brünn), památkový ústav Brno (Denkmalamt Brünn) 1992.
Sedlářová, Jitka: Německá kultura v Brně 1918- 1938 (Die deutsche Kultur in Brünn 1918-1938) in: Bulletin Moravské Galerie v Brně, 1993.

An der „roten“ Kirche befindet sich heute (2012) eine Tafel mit den Baudaten.
Kirche (des) Jan Amos Komensky
Vom Brünner Deutschem Lutherischen Kollegium in den Jahren 1864-1867nach den Plänen des Wiener Architekten Heinrich von Ferstel im nordeutschen gotischen Stil errichtet. Den Bau führte Moritz Kellner durch. Der Grundstein wurde am 7. September 1863 gelegt. Feierlich eröffnet und eingeweiht am 25. August 1867. Bis1945 hieß sie Christuskirche. Seit 1945 gehört sie der Kichengemeinde der Evangelisch-Böhmischen Brüder.

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