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BRÜNNER ERINNERUNGEN


Wirst du gefragt, woher du stammst, und du ant­wortest: „Aus Brünn“, dann gibt es Zeitgenossen, deren Gesichter sich leicht verziehen und die zur Bekräftigung ihrer Antwort sagen: „Aha, aus Brien!“ Damit meinen diese Leute, daß die Brünner den Umlaut „Ü“ gar nicht aussprechen können, was nur die Folge einer unklaren Abstammung sein kann. Wir müßten also ein Zwischen­ding zwischen Deutschen und Tschechen sein, so eine Art Beutegermanen!

Wenn man dann dem anderen zu verstehen gibt, daß die Stadt wirklich einmal Brien, aber auch Brun oder Bruna geheißen hat und der Schlachtruf „Brin is nit hin!“ Feldgeschrei der Kaiserlichen im Dreißigjährigen Krieg war, Ausdruck unbezwingbaren Freiheitswillens gegen die schwedische Übermacht, dann verschwinden die Zweifelsfalten im Gesicht des anderen und ein angestrengtes Nachdenken über längst vergessene oder nie gehabte Geschichtskenntnisse beginnt. Wenn man dann weiter erzählt, was dieses Brünn wirklich war, hören Unverständnis und unkluge Mutmaßungen lang­sam auf.
Es beginnt damit, daß dieses Brünn, wie es die Alten unter uns in Erinnerung haben, ein wunderbares Gemisch industrieller Entfaltung und romantischer Be­häbigkeit war. Schon vor der Jahrhundertwende brachte der Ehrentitel „österreichisches Manchester“ zum Aus­druck, daß man es hier mit der führenden österreichi­schen Tuchmacherstadt zu tun hatte. Was in den Tuch­fabriken, Spinnereien, Färbereien und den dazugehören­den Zulieferbetrieben geleistet wurde, drückte sich sogar in den Exportziffern der Monarchie und später in denen des kleinen Nachfolgestaates aus, und Statistiker können mühelos nachweisen, wieviel zehntausende Arbeiter in diesen meist — wie sie zu sagen pflegen — von Reichs­deutschen gegründeten Betrieben tätig waren.

Ein Kärntner, Michael Köffiller, der Augsburger Bar­tholomäus Seitter, Heinrich Offermann aus Monschau, Heinrich Friedrich Hopf aus Balingen, Gottfried Bräun­lich aus Sachsen und der Berliner Christian Glorin stehen am Beginn einer Entwicklung, die in der Regierungszeit Maria Theresias mit der Gründung der ersten Fabrik dieser Art, die sich in der Neugasse, in der Nähe des Augartens, befand, ihren Anfang nahm. Später hat auf der Zeile, die sich in den folgenden Jahrzehnten zum Mittelpunkt dieser Produktionsstätten entwickelte, der in Gmünd in der Eifel geborene Johann Christian Leidenfrost eine Tuchfabrik errichtet. Auch der aus Urach eingewanderte Jakob Friedrich Schöller gehört zu den Gründern dieser Industrie, die sich trotz der großen wirtschaftlichen Rückschläge während der Kon­tinentalsperre zur Zeit Napoleons behaupten konnte.
Neben den bereits genannten, müßte jetzt eine Un­zahl weiterer Namen aufgezählt werden, denn es gab vom 19. Jahrhundert, bis in unsere Tage hinein, etwa sechzig solcher Betriebe von unterschiedlicher Bedeutung und Lebensdauer. Von den bekanntesten wollen wir nur nennen: Heinrich Schmal, Thomas Lewinsky, J. H. Offermann, J. Skene, Friedrich Skutetzky, Gebrüder Schoeller, Friedrich Redlich, Bruck und Engelsmann, M. Fuhrmann, Brüder Stiassny, Moses Löw-Beer, Weiß und Hannak, David Hecht, Adolf Schmal, Himmel­reich & Zwicker, die Brünner Kammgarnspinnerei, Auspitz Engel sowie die Färbereibetriebe C. F. Graupner und Adolf Selb. Diese Ehrenliste industrieller Tüchtig­keit könnte noch seitenlang fortgesetzt werden.

Daß sich die Stadt auch auf dem Gebiete der Maschi­nenproduktion und der Metallwarenerzeugung zu einer führenden Rolle emporarbeiten konnte, steht fest, wenn man weiß, welche Bedeutung die Erste Brünner Maschi­nenfabrik, die Brünn-Königsfelder Maschinenfabrik, die Rossitzer Eisenhüttengesellschaft und später die Brünner Waffenwerke hatten. Von den zahlreichen weiteren Betrieben dieser Art soll an die Gießerei Storek erinnert werden, in der die erste Kaplanturbine hergestellt wurde, deren Erfinder Professor an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn war. Aus Württemberg ist Alfred Hochstetter zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Brünn eingewandert, der zu den Wegbereitern der Technisie­rung Mährens zählt. Friedrich Wanieck und Heinrich Storek waren, ebenso wie Georg Schickhardt, dessen Wiege in Stuttgart stand, Pioniere eines anbrechenden Zeitalters, das neben vielen damals „gehörten Proble­men“ das „ungehörte“ der sozialen Frage in sich barg.

Fern vom Rattern der Motoren, dem Surren der Spindeln und dem gleichmäßigen Schlag der Schützen zehntausender Webstühle lebte aber noch ein anderes Brünn, das Brünn der verträumten alten Gassen und Winkeln, die behagliche und von der wärmenden Sonne des Südens erfüllte Welt der kleinen Leute, inmitten einer immer unruhiger werdenden Zeit als wahre Oase der Geruhsamkeit, etwas von Wiener Festesfreude und Liedseligkeit, vermischt mit slawischer Schwermut und durchdrungen von jener deutschen Romantik, die man heute nicht mehr wahrhaben möchte oder völlig entstellt wiedergibt und die doch so beglückend träumen läßt.
Wer von den Fremden wußte schon etwas damit anzufangen, wenn das Brünner Hausregiment seinen Marsch spielte, in dem das Trio vorkam „Nur am Rhein, da möcht’ ich leben, nur am Rhein geboren sein“?
„Wie kommt der Brünner zum Rhein, was geht euch der Rhein an?“ Das fragten Menschen der vorhin erwähnten Art.

Gemach: Das ehemalige k. u. k. Infanterieregiment Nr. 8 ergänzte sich in der Zeit vor 1766 durch freie Werbung — oder was man darunter meinte — aus dem oberrheinischen Gebiet, wo es seinen Werberayon hatte.
Diese aus dem Rheinland stammenden Soldaten sangen aus begreiflicher Sehnsucht das Lied. Ein Komponist brachte es in den Marsch des Hausregimentes ein und die Brünner sangen es aus mehreren Gründen: weil schließlich der Rhein ein deutscher Strom ist, weil sie Deutsche waren und weil das Lied diejenigen, die dem Regiment angehört hatten, an ihre Militärzeit erinnerte. Diese ist bekanntlich zu allen Zeiten sehr hart gewesen, man erinnert sich aber später doch immer wieder, und oft nicht ungern, an sie. Solche Zusammenhänge muß man ebenso kennen, wie die Tatsache, daß die Geschichte der berühmten Holckschen Jäger auf die in Brünn ent­wickelte Soldatentradition zurückgeht. Diese österreichi­sche Einheit hat sich sowohl im Dreißigjährigen Krieg als auch in den Napoleonischen Kriegen und 1866 große Verdienste erworben.

Sprichst du von Brünn als einer, der dort zu Hause war, dann hebt sich der Schleier der Erinnerung von manchem, was mit deinem Leben in früherer Zeit ver­bunden war. Das Bild wechselt und zwei spitze Türme wachsen in den Himmel. Der gotische Petersdom spricht eindringlich die Sprache seiner Gründer und Bauherren, die ihn im 13. Jahrhundert an der Stelle entstehen ließen, wo früher nur eine kleine Kirche stand. Weil die Schweden ihn fast vernichtet hatten, mußte man ihn im 18. Jahrhundert neu aufbauen und damit wurde seine Barockisierung eingeleitet. Diese Stiländerung, im Zusammenwirken mit dem von Brünner Kaufleuten im 17. Jahrhundert gestifteten Markusbrunnen und den Renaissancefassaden des Bischofshofes, gibt Dom und Brunnen in ihrer Unterschiedlichkeit trotzdem eine Harmonie einzigartiger Schönheit von erhaben zeitloser Feierlichkeit.

Gegenüber liegen der Franzensberg mit dem an die Befreiungskriege erinnernden Obelisken und dann der Spielberg, die höchste Erhebung innerhalb der Stadt­grenzen, kraftvoll in der Linienführung, idyllisch mit seinen Parkanlagen, Alleen und Aussichtspunkten. Als weiteres Wahrzeichen der Stadt die Jakobskirche, deren schlanker Turm wie ein mahnender Finger über die Häuser der Innenstadt ragt und in der sich das Grab­mal Radwit de Souches, des Verteidigers der Stadt in den Schwedenkriegen, befindet. Du denkst an die riesige Anlage der Statthalterei, eines ehemaligen Klosters, das Joseph II. als Verwaltungszentrum des Landes neu gestalten ließ und das in seiner Urform auf einen gotischen Bau der Parlerschen Bauhütte zurückgeht. Das Alte Rathaus, ein Bilderbuchbau mit der gekrümmten Fiale, die auf Meister Anton Pilgram verweist und in dessen Tor ein Lindwurm und ein Rad hingen, bedeutete uns mehr als nur eine Erinnerung, es verband für uns unmittelbar Legenden und Sagen mit dem Sitz der Verwaltung, gleichsam als Symbol von gegen­wärtiger ernster Arbeit und Vergangenem. Und neben den Kirchen der Minoriten, Jesuiten und Dominikaner, den Klöstern und alten Bürgerhäusern, die anderen Bauten, die das Stadtbild bestimmten: das Stadttheater, das Künstlerhaus, die Redoute, die Bauten der Tech­nischen Hochschule und der Schulen unterschiedlichster Art, das Deutsche Haus und darüber hinaus die unge­zählten Gaststätten und Kaffeehäuser, die typisch für eine Stadt waren, in der Geselligkeit zum Lebensstil gehörte.

Und schließlich ist Brünn für 80.000 Deutsche die Heimat gewesen, und ist es heute noch. Denn so viele waren es, die hauptsächlich den inneren Kern der Stadt bewohnten und ihm auch dann noch ihr Gepräge gaben, als durch die Eingemeindung tschechischer Vor­orte und sonstigem Zuzug die Bevölkerungszusammen­setzung immer mehr den gewachsenen Charakter verlor. Lassen wir das. Zwei Generationen haben hier um jede Schule und Arbeitsstätte, um jede Firmenaufschrift und jede Straßentafel gerungen. Daß das Deutsche Haus für uns mehr war als ein gesellschaftlicher Mittelpunkt mit verschiedenen Unterhaltungslokalen, das haben die Tschechen 1945 gewußt, als sie als eine ihrer ersten Maßnahmen nach dem Einmarsch der Roten Armee diese Stätte Stein um Stein von deutschen Gefangenen niederreißen ließen.
Aber die Stadt war den Deutschen, die hier lebten, Heimat, und das ist bekanntlich mehr als der zufällige Geburtsort, der augenblickliche Arbeitsplatz oder das letzte Altersheim, und daß das Wort Heimat in unserer Sprache keine Mehrzahl kennt, dürfte kaum Laune oder Zufall sein.

Sie war die Hauptstadt eines Landes, in der sich die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach mühte, das Alphabet einer neuen Sprache für alle jene Menschen zu finden, denen das Wort Liebe etwas bedeutet. Aus diesem Lande stammen die Ahnen von Hugo von Hofmannsthal und von Ferdinand von Saar. Im Altbrünner Kloster machte der gelehrte deutsche Abt Johann Gregor Mendel seine berühmten Pflanzenversuche, Anton Pilgram ist mit der Stadt ebenso verbunden wie jener Fischer von Erlach, der den wohlhabenden Bürgern schon zu einer Zeit den Parnaßbrunnen auf dem Kraut­markt baute, als ihm der Titel „von Erlach“ noch nicht zustand. Aus der mährischen Landeshauptstadt stammt auch der Barockmaler Emanuel Wohlhaupter, der unter anderem dem Fürstabt von Fulda die Deckengemälde der Orangerie schuf.
Hier ist der Kupferstecher Josef Axmann geboren worden, dessen herrliche Werke zu den Schätzen der Albertina und der Akademie der bildenden Künste in Wien gehören, Rudolf Jellinek, der viel zur Industriali­sierung der Stadt, aber auch für ihren deutschen Be­völkerungsteil getan hat, und der Bildhauer Anton Hanak stammen aus Brünn, der Name Berthold Bretholz ist mit dieser Stadt ebenso verbunden wie der des Dichters Richard Schaukal, um nur einige zu nennen. Über die Werke der alten Buchdrucker und von den beiden Ulmern Konrad Stahel und Matthias Preunlin, die 1486 die Schwarze Kunst hier einführten und denen wir eine stattliche Reihe von Frühdrucken verdanken, ist schon viel geschrieben worden. Das „Brünner Stadt­recht“ aus dem Jahre 1243 aber ist eines der herr­lichsten Zeugnisse der überörtlichen Bedeutung Brünns im deutschen Raum, es wurde im Laufe der folgenden Jahrhunderte durch zahlreiche Privilegien erweitert und im Brünner Schöffenbuch aus dem Jahre 1353 zu einem Pergamentkodex vereinigt, der auch wegen seiner groß­artigen Ausführung der größte Schatz des Stadtarchivs wurde.

Auch das war keine Überheblichkeit, wenn man sagte, daß Brünn die nördlichste Vorstadt Wiens sei, was sich auch nach der verderblichen Grenzziehung von 1918 nicht änderte. Künstlerische Ereignisse, die Wien er­füllten, wurden oft hier vorgeprobt, manchmal sogar inspiriert, und umgekehrt strahlte die alte Kaiserstadt an der Donau nirgend anders hin in der Kunst so unmittelbare Wirkung aus wie nach Brünn. Vielleicht waren die Brünner schlechte Propagandisten, sie ver­schlossen sich nach außen hin, das bedingte ihre Insel­lage. Vielleicht hatten sie — auch aus diesem Grunde — zu den anderen sudetendeutschen Heimatlandschaften wenig Kontakte. Auf alle Fälle aber waren sie gewohnt, mit ihrem Schicksal als Sprachinselmenschen fertig zu werden, sich zu erhalten und, wenn es nötig war, sich zu wehren. Sie zeigten bestimmt nicht weniger Härte als andere. Nur war das, was sie taten, eben doch etwas mehr von dem durchdrungen, was wir schlechthin das Wienerische nennen, also von ganz eigener Substanz. Die aber muß man haben, um sie verstehen zu können.
Ganz abseits hatte es stets begonnen. Etwa dort, wo ein Sonnenstrahl über ein abbröckelndes Barockportal zitterte, um sich dann im Dämmern der winkeligen Hinterhöfe zu verlieren, wo man noch so viel Zeit hatte, daß man sich nur ganz selten fragen mußte, wie spät es sei. Da, wo du standest und wo Spitzweg oder Richter gewesen sein könnten, rankte sich wilder Wein empor. Das Treiben auf den Straßen verlor sidi im Nebel, wurde, wie eine Vorahnung des Kommenden und Unausbleiblichen, schemenhaft, so wie die hohen Häuser, die man später baute und die ihre klobigen Schatten auf die lieben, engen Gassen warfen. Wir sagten bescheiden Gasse und haben sogar eine der größten Ausfallstraßen, die Neugasse, nicht anders bezeichnet.

Die alten Leute grüßten einander in dieser Stadt nicht laut; sie wußten alles voneinander, sie brauchten sich nichts zu erzählen, weil sie nichts zu verheimlichen hatten; sie hatten eine so schelmische Art, wie die Menschen des Südens, die dem Fremden zu verstehen geben, daß sie ihn zwar schätzen, ihn aber auch missen können, und er dies selbst zu entscheiden hätte.

Wenn du sie nach dem Wege fragtest (du wußtest genau, wie du zu gehen hattest), dann erzählten sie dir den Weg. Sie beschrieben ihn nicht, sie „wiesen dich auch nicht ein“. Es schwang etwas mit von dem heiteren Zeitlassen, das der putzelige Barockengel besaß, der sich seit hunderten Jahren vergeblich mühte, vom Kirchen­fenster der Thomaskirche herunterzuspringen und trotz­dem dasselbe lachende Gesicht machte wie eh und je.

Du standest vor der erzenen Tafel, die davon Kunde gab, daß der Volkskaiser eine der größten Parkanlagen seiner Zeit dem Volke geschenkt hatte, und konntest dich nur wundern, was aus diesem „Publico“ im Laufe der Zeit geworden war. Doch weil wir von der alles versöhnenden Sonne gesprochen haben und trotz allem, was uns geschehen ist, an das Gute glauben, soll eines auf die Gefahr hin ausgesprochen werden, daß man uns als völlig unzeitgemäße Schwärmer bezeichnet: So warm und so strahlend, wie in unserem Brünn, hat uns die Sonne später im Leben nie, nie mehr gescheint. Das können nur die verstehen, die dort jung waren. Denn diejenigen, die ihre Jugend irgendwo anders ver­brachten, haben diese strahlende Wärme in einer anderen Stadt oder einem anderen Dorf empfunden. Was angeb­lich immer schon so war und zu den schönsten Geheim­nissen des Lebens gehört. Bewahren wir also dieses Geheimnis tief in unseren Herzen.

An das alles erinnern wir uns, wenn wir als Brünner an diese Stadt denken: an  das    Große und Erhabene, aber auch an die vielen und namenlosen kleinen und  unbekannten Winkel, die uns aufgenommen und los­gelassen haben, ohne daß wir je von ihnen loskommen. Und das ist gut so, denn der Mensch hat bekanntlich auch ein Herz, mit dem er dann und wann denkt.                                

Reinhard Pozorny
(aus "Blühendes Mährerland" – Eckartschriften Heft 95)

 

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