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750 Jahre Stadtrecht und weitere Daten aus der Geschichte Brünns
Vortrag von Dr. Erich Pillwein,

gehalten zur Eröffnung des BRUNA- Jubiläums- Bundestreffen 1993 in Schwäbisch Gmünd

 
Wer nicht lesen will kann den Originalmitschnitt dieses Vortrages 
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Kurzfassung.

Langfassung lesen Sie hier.

Man hat mir die Aufgabe übertragen über die Geschichte der Stadt Brünn und über ihr 750 Jahre altes Stadtrecht zu berichten.

Die Geschichte einer Stadt, die ja schließlich für Brünn eine ganze Reihe von Jahrhunderten umfaßt, in 30 bis 40 Minuten darzustellen -- und länger sollte es nicht dauern, wenn man sich anhaltende Aufmerksamkeit wünscht-- ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn dann zusätzlich noch auf das 750-jährige Stadtrecht verwiesen werden soll, wird die Aufgabe noch schwieriger. Der Ausweg -und den schlage ich Ihnen vor- besteht in der Begrenzung.

Befassen wir uns also als erstes mit dem Stadtrecht, auch Stadtrechts- Privilegien genannt, aus dem Jahre 1243, heuer also 750 Jahre alt.

Sie könnten sich fragen, warum uns das Thema Stadtrecht heute, nach 750 Jahren überhaupt noch berühren und interessieren soll. Aber auch ohne besonderes Interesse braucht man nicht zu übersehen, welche außerordentliche Bedeutung Gesetze, Recht und Rechtsprechung immer besaßen, seit sie erfunden wurden.

Lassen Sie mich etwas sagen zu dem Ausdruck Stadtrechtsprivilegien. Sie sind nichts anderes als die Rechtsvorschriften, die der Stadt Brünn und ihren Bürgern verliehen wurden. Sie entstanden auf gewissen Rechtsgrundlagen, die Herzog Konrad bereits rd. 150 Jahre früher gegeben hatte; und die 1229 von König Ottokar I. auf dem Brünner Landtag bestätigt, erweitert und zu einem Brünner Stadt- und Landrecht zusammengefaßt wurden. Aber immer noch war das Recht unterschiedlich; es galt für die Bürger. Klerus und Adel hatten es verstanden, sich Ausnahmen zu erhalten.

Der Hauptteil der Stadtrechtsprivilegien befaßt sich mit den "Delikten in peinlichen Sachen", oder, wie wir heute sagen würden, mit dem Strafrecht. Hier finden wir recht grausame Strafen: z.B. Enthauptung für Totschlag, Buße durch den Strang bei Diebstahl wenn der Wert 60 Denarien und mehr betrug, oder Brandmarkung mit glühendem Eisen im Gesicht. Verletzungen an Haupt oder Gliedern wurde nach dem Grundsatz Auge um Auge geahndet, d.h., die gleiche Verletzung dem Schuldigen zugefügt.

Christian d' Elvert, einer der Brünner deutschen Bürgermeister, und einer der begabtesten dazu, schrieb in seinem Buch "Versuch einer Geschichte Brünns": "Freilich ist es gewagt und gefehlt, die Begriffe unserer (Zeit) auf die Satzungen und Einrichtungen damaliger Zeit anzuwenden." "Auch bei diesen Gesetzen scheint der Zweck der Strafe gar nicht berücksichtigt" "Eben so sehr mangelte alles Ebenmaß und gleiches Verhältnis zwischen der Handlung und Strafe. Wer zahlen konnte, entledigte sich leicht der über ihn verhängten Strafe, und die gewöhnlichste Strafe war Geldstrafe."

Ottokar I. bestätigte sie 1129 auf dem Brünner Landtag. 14 weitere Jahre verstrichen. Brünn und Olmütz hatten schwere Tatareneinfälle, mit Raub, Mord und Brandschatzung abgewehrt und wir schreiben das Jahr 1243. Die Brünner Bürger hatten schon längere Zeit auf ein einheitliches Stadtrecht gedrängt. Wahrscheinlich kannten sie die Schwerfälligkeit von Beamtenschreibstuben, damals wie heute, und man kann vermuten, daß sie daher selbst eine Fassung erstellten, auf der Grundlage dessen, was -wie schon erwähnt- bereits bestand. Jedenfalls wird von einer Abordnung berichtet, die die Texte der königlichen Kanzlei in Prag übergab. Diese brachte sie nur in die, der damaligen Zeit entsprechende "Verordnungssprache", und bereitete sie in lateinischer Sprache zum Erlaß vor.

König Wenzel I. erließ dann 1243 die

Großen und Kleinen Stadtrechtsprivilegien für Brünn (Jura originalia civitatis brunensis).

Die Übersetzung der Jura originalia civitatis brunensis aus dem Lateinischen ins Deutsche findet man in der Langfassung dieses Beitrages.

Beide Urkunden bilden eine Einheit; und die Originale im Besitz des Brünner Stadtarchivs stellen einen über Jahrhunderte hin treu und sorgsam bewahrten Schatz dar. Sie wurden in lateinischer Sprache erlassen, aber sofort ins Deutsche übersetzt, um den Inhalt auch den weniger gebildeten Bürgern verständlich zu machen. Auch alle Erläuterungen wurden in deutscher Sprache verfaßt. Ein Beweis dafür, daß die deutsche Sprache gleichberechtigt neben die lateinische trat; und daß -unübersehbar- schon damals Deutsch die Umgangssprache war.

Um diesen Rechtsvorschriften Geltung zu verschaffen, wählten die Bürger aus ihrer Mitte 24 Geschworene (oder Schöffen). An ihre Beschlüsse war der Stadtrichter gebunden; er mußte für ihre Durchführung sorgen. Wir haben ausgiebige und genaue Kenntnis von der damaligen Rechtsprechung; denn der Stadtschreiber Johannes stellte 100 Jahre nach der Verleihung der Stadtrechte die bis dahin ergangenen Schöffensprüche (Urteile) und Belehrungen schriftlich zusammen im sogenannten Schöffenbuch. Ein weiterer, äußerst kostbarer Schatz des Brünner Stadtarchivs.

Damit wollen wir das Kapitel "Stadtrecht" beenden.

Folgen Sie mir bitte nun noch eine Weile bei einem Gang durch die Stadtgeschichte; sie umfaßt den längeren Zeitraum. Aber vergessen Sie auch gleich wieder den "längeren Zeitraum", denn dann müßten wir fast tausend Jahre zurückgehen, und dann uns mühsam durch die Jahrhunderte durchkämpfen. Das will ich weder Ihnen noch mir zumuten. Lassen wir es dabei bewenden, daß Brünn um die Jahrtausendwende schon bestand. Bereits seit 1054 ist Brünn ein eigenes Fürstentum. Der Přemyslide Konrad (1061 -1092) erhielt Mähren "bis zur Schwarzach und Zwittach", weil er der deutschen Sprache mächtig war. Ein deutlicher Hinweis auf den deutschen Bevölkerungsanteil.

130 Jahre später. Kaiser Barbarossa gibt auf dem Reichstag zu Regensburg (26.9.1182) Otto von Mähren das ungeteilte Mähren zum Lehen. Ottos Nachfolger Markgraf Wladislaw Heinrich hielt bereits Hof auf dem Spielberg und bemühte sich, mit dem prunkliebenden Prager Hof zu konkurrieren. Ein Bemühen, das die Potentaten über die Jahrhunderte weiterpraktizierten; und die Demokratien getreulich übernahmen. In der 2.Hälfte des 12. Jhd. und Anfang des 13.Jhd. erscheint Brünn schon als wohlgeordnetes Gemeinwesen. Im östlichen Teil der Stadt, und um die Jakobskirche herum, waren die Deutschen seßhaft, in der Gegend des heutigen Großen Platzes wohnten die Wallonen, die Slawen um die Peterskirche herum; und die Juden hatten eine eigene Gasse, die spätere Ferdinandsgasse. Auch Italiener fanden sich in der Stadt, handelten hauptsächlich mit Seidenwaren, Südfrüchten und Gewürzen.

Aber beenden wir diese kurze Reise in die weit zurückliegende Vergangenheit, greifen wir einen Abschnitt aus der jüngeren Geschichte heraus. Sie ist interessant genug, vielleicht sogar noch interessanter als die Vorgeschichte. Vor allem aber, sie ist für uns begreifbarer, teils sogar noch an persönliche Erinnerungen geknüpft; oder an Überlieferungen von vorangegangenen ein oder zwei Generationen.

Ich weiß nun nicht, ob Sie es auch so sehen wie ich, --aber vielleicht kann ich Sie davon überzeugen, daß man die Geschichte einer Stadt unmöglich losgelöst sehen kann von der Geschichte ihrer Umgebung, ihrer näheren und weiteren Umgebung, daß man vieles nicht verstehen kann, ohne Beachtung des gesamten politischen Umfeldes. Was wird noch geläufig sein, fragte ich mich weiter? Sicher wohl die Zeit der 1.Tschechoslovakischen Republik. Aber auch an die Zeit vor dem 1.Weltkrieg und an die Habsburger Monarchie wird sich mancher, und sei es aus Erzählungen der Eltern und Großeltern, noch gut erinnern. Dann aber wird es schon dünner. Greifen wir uns also, im Zuge der vorgeschlagenen Begrenzung, aus den vielen Jahrhunderten Stadtgeschichte einen Abschnitt heraus und beginnen wir einfach mit der Ära der Maria Theresia, die ist wohl noch ein Begriff. Diese Erzherzogin von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn, noch später Kaiserin, oder genauer –Gattin eines Kaisers, hatte es nicht leicht. Wenn sie nicht gerade Kriege führen mußte (Schlesische Kriege, Österreichischer Erbfolgekrieg), und wenn sie nicht gerade im Wochenbett lag (was recht häufig der Fall war), widmete sie sich entschlossen grundlegenden Reformen. Leider stürmte, kaum war der Vater Maria Theresias, Karl VI., zur ewigen Ruhe gebettet worden, halb Europa auf Maria Theresia los. Erster bei dem Kampf um Beute war der jugendliche Held der damaligen Zeit: Friedrich der Zweite von Preussen, der später "der Große" genannt wurde. Er besetzte nicht nur das österreichische Schlesien, wo er, außer in Neisse, keinen Widerstand antraf, sondern rückte anschließend auch in Mähren ein. Christian d'Elvert, den ich schon beim Stadtrecht zitierte, schreibt dazu wörtlich: "Schlesien und Mähren waren von Preussen und Sachsen, Böhmen von Franzosen, Baiern und Sachsen überschwemmt... ein guter Theil von Oestreich war von Baiern besetzt und des Kaiserreiches Hauptstadt mächtig bedroht ...; und er fährt, etwas pathetisch fort:

Wer hätte da nicht jeglichen Glauben an Rettung aufgeben mögen ? Theresia gab nicht auf! Im hinreißenden Zauber ihrer Schönheit, erhöht noch durch den leisen Schmerz im Antlitze, voll Majestät, das Knäblein Joseph auf dem Arme, trat sie vor die Reichsversammlung der hochherzigen Ungarn. In treuen und lebhaften Worten schilderte sie ihre große Noth in der Nationalsprache. Da blitzten allgesammt die Säbel heraus.... usw."

Lassen Sie uns zurückkehren, zu Maria-Theresias Reformen. Sie im einzelnen zu besprechen, ist hier nicht der Raum. Aber sie wirkten sich aus, selbstverständlich auch in Brünn, dem "Wiener Vorort". Maria Th. war eine der größten weiblichen Gestalten der Geschichte. Aber verlassen wir auch Maria-Theresia; wenden wir uns ihrem Sohne Josef zu, der damals, als sie vor die Ungarn trat, eben 1 Jahr alt war.

Josephs Wirken übertraf das seiner Mutter nicht, aber kam ihm gleich; wenn auch auf einer ganz anderen Ebene. Es war so bedeutend, daß man noch heute vom "Josephinismus" spricht. Während Maria Theresia tief religiös und kirchlich gebunden war, neigte ihr Sohn Joseph, der bis 1780 ihr Mitregent war, mehr zu einem aufgeklärten, allerdings katholisch geprägten Absolutismus. Er setzte die von seiner Mutter begonnenen Reformen -Heeresreform, Staats- und Verwaltungsreform, Zentralverwaltung- entschlossen fort; ergänzte sie durch eine Justizreform und schaffte, als Mann der Aufklärung, die Leibeigenschaft ab. Er lebte von 1741 - 1790 und müßte jedem Brünner ein Begriff sein, der ein bißchen in der Schule aufgepaßt hat. Kaiser Joseph II., war sehr häufig in Brünn, so zwischen 25 und 30 Besuche wurden gezählt.

Im Zuge der sogenannten Säkularisierung löste er viele Klöster auf und wies den verbleibenden neue Aufgaben zu, die sie aus dem bis dahin geübten, überwiegend kontemplativen Leben herausführten, stärker mit der Bevölkerung verbanden durch die Pfarrseelsorge und durch Betätigung im Schuldienst.

Vor allem aber, er erließ das sogenannte Toleranzedikt, das jedermann Glaubensfreiheit zusicherte; ein für die weitere Entwicklung Brünns sehr wichtiger Erlaß. Denn es konnten dadurch evangelische Bürger Brünns zurückkehren; und auch weiteren Persönlichkeiten aus dem Reich war der Weg nach Brünn geebnet. Kein Wunder, daß die Herzen der Brünner diesem jungen Kaiser bei jedem Besuch entgegenschlugen.

Wie sah unsere Heimatstadt damals aus?

Die Zahl der Einwohner kannte man nicht genau. Dies änderte sich erst, als Maria-Theresia 1762 eine jährliche Volkszählung anordnete. So wissen wir heute, daß Brünn im Jahre 1770 rd. 15.000 Einwohner hatte. Innerhalb von 20 Jahren stieg die Zahl auf 23.000. 1850 waren es bereits 37.500

Diese steigende Zahl beweist, daß es Weiterentwicklung gegeben hatte, auf allen Gebieten. Diese hielt auch nach der Theresianischen und Josephinischen Zeit an. Bis zur Jahrhundertwende wurde eine ganze Reihe von Zweckbauten errichtet: eine Polizeidirektion, ein Armenhaus, eine Blindenanstalt, eine Gebäranstalt. Die Festungsanlagen wurden eingeebnet und Grünanlagen geschaffen (ich erinnere an das Glacis), Stadttore wurden abgetragen, die Straßen gepflastert und später (mit Gas) beleuchtet. Die stärksten Entwicklungsimpulse aber gingen von der Tuchindustrie aus, die bald, z.T. mit staatlicher Förderung, das Niveau ausländischer Produkte erreichte. 1813 zählte man in Brünn schon 23 Tuchfabriken.

Gefördert wurde die Tuchindustrie durch die stürmisch einsetzende Mechanisierung, durch die Kraft der Dampfmaschine. Wir können uns heute gar nichtmehr vorstellen, welch eine Revolution dadurch eingeleitet wurde; wir sind ja so blasiert und mit technischem Fortschritt verwöhnt.

Ich darf Ihnen dazu die Vorgeschichte in Erinnerung rufen: James Watt, ein Engländer, hatte, heute vor rund 200 Jahren für seine Maschine, die er gestützt auf Vorarbeiten anderer entwickelte, ein Patent erhalten.

Plötzlich war alles anders. Was bis dahin nur von Wind- oder Wasserkraft, Pferde- oder Menschenkraft vollbracht werden konnte um Dinge oder Maschinen zu bewegen, verrichtete nun die Kraft erhitzten Wassers, der Dampf. Die Folgen sind bekannt, negative bis hin zum mechanischen Webstuhl und dem davon ausgehenden "Webersterben"; aber auch positive, man denke nur an die segensreiche Entwicklung der Eisenbahn und der Seeschiffahrt.

L u z aus Metz bei Reutlingen gründete in Schlapanitz die erste Maschinenbau-Fabrik und erzeugte als erster in Österreich fabrikmäßig Dampfmaschinen. Durch Fusion mit der Maschinenfabrik eines Engländers (Bracegirdle) entstand dann die berühmte 1. Brünner Maschinenfabrik. Damit war für Brünn einer zweiter Industriezweig geboren, der bis in unsere Tage bestimmend geblieben war.

Daneben nahmen Handel, Gewerbe, Schulwesen, Gesundheitswesen und alle Zweige der Kunst einen stetigen, teilweise stürmischen Aufschwung.

Ich komme zum Schluß, obwohl ich überzeugt bin, daß es Sie auch noch interessieren könnte, die Entwicklung Brünns, das bis ca. 1850 als Großgemeinde bezeichnet werden konnte, weiter zu verfolgen. Es war der Weg zur Großstadt. Wir können ihn nichtmehr schildern; aber soviel sei gesagt: Dieser Weg war ein Weg des ständigen Erfolges. Und dieser war maßgeblich bestimmt durch Brünns Bürgermeister. Es waren neun Männer, die von 1851, dem Jahr der Eingemeindung von 27 Vorstädten, bis 1918, dem Ende des 1.Weltkrieges, die Geschicke der Stadt maßgeblich bestimmten. Und die Brünner waren klug genug gewesen, bei den in freier Wahl zu bestimmenden Bürgermeistern Persönlichkeiten an die Spitze der Stadt zu stellen, die sich als fähig erwiesen und des Vertrauens würdig, das man in sie setzte. Die bedeutendsten waren wohl Dr. August Ritter von Wieser, und Christian Ritter d' Elvert. Beide gebürtige Brünner. d' Elvert besuchte das Brünner Gymnasium und studierte anschließend an der deutschen Universität in Prag. Er war 25 Jahre, als sein erstes historisches Werk, das er bescheiden "Versuch einer Geschichte Brünns" nannte, erschien. Unzählige weitere Veröffentlichungen folgten. Er war zweimal zum Bürgermeister gewählt worden und starb 93-jährig in Brünn. Sein bleibendstes Werk aber war die Umgestaltung des Spielberges zu einer grünen Kuppel mitten in der Stadt. Wieser, eine markante Persönlichkeit, hat sich vor allem um die kulturelle Entwicklung der Stadt verdient gemacht.

Dies alles ging 1918 zu Ende; oder sagen wir milder, es ging weiter, wenn auch in verwandelter Form. Wenn auch die Straßennamen verschwunden sind, wenn auch Ehrentafeln abgerissen, Denkmäler zerstört sind und Ehrengräber am Zentralfriedhof eingeebnet wurden -die Erinnerung an die großen Leistungen dieser Bürgermeister bleiben ebenso unzerstörbar wie die Zeugnisse ihres Handelns. Auf Dauer können ihre Namen aus der Geschichte unserer Heimatstadt nicht mutwillig getilgt sein oder getilgt bleiben. Über Jahrhunderte lebten Menschen der unterschiedlichsten Herkunft in dieser Stadt. Wenn auch die deutsche Dominanz unverkennbar ist, ständig gefördert durch "Nachschub" aus den deutschsprachigen Mutterländern, so finden wir auch Angehörige vieler anderer Völkerschaften in dieser Stadt in friedlichem Wettstreit vereint.

Wirkliche Spannungen aber brachte erst das 19. Jahrhundert mit dem Erstarken des Nationalismus. Während sich die Nationalitätskämpfe und Auseinandersetzungen bis zum Beginn des 2. Weltkrieges noch in relativ geordneten Formen abspielten, veränderte das Geschehen während des 2. Weltkrieges durch den, aus dem Reich importieren übersteigerten Nationalitäts- und, vor allem, Rassenwahn, die Verhältnisse radikal. Durch diesen Nationalitätswahn ist die Menschheit ins finsterste Mittelalter zurückgeworfen. Das wird uns im ehemaligen Jugoslawien ebenso vor Augen geführt, wie in Teilen des ehemaligen sowjetischen Imperiums. Aber wir Deutsche haben keine Veranlassung uns darüber zu mokieren oder uns moralisch überlegen zu fühlen. Denn alles, was vom Zeitalter des Humanismus und der Aufklärung auf uns überkommen war, brachte der Nationalsozialismus mit dem Genozid des Judentums, der Sinti und Roma, und mit der Euthanasie bereits zu Fall. Was sich nach dem Kriege bis heute in dieser Richtung abspielte, ist gewissermaßen die Fortsetzung. So fiel es den siegenden Kräften leicht, das durchzusetzen, wofür heute der heimtückische (und zugleich verharmlosende) Ausdruck "ethnische Säuberung" gefunden wurde, hinter dem sich so viel Unmenschlichkeit versteckt. Nicht "ethnischer Säuberung" bedarf es, sondern "ethischer Säuberung".

Das Verjagen der Deutschen aus ihrer Heimatstadt, unter menschenunwürdigen Bedingungen, war der Auftakt; die Vertreibung der Deutschen, aus den rein deutschen Randgebieten, egal ob geordnet oder weniger geordnet, ob vyhnání oder odsun, war die Fortsetzung. Es gereichte, wie man damals ahnte, und wie wir heute wissen, dem tschechischen Volk nicht zum Vorteil.

Wir alle, die wir in der ČSR groß geworden sind, erinnern uns noch an den Wahlspruch einer politischen Partei, der, wenn ich mich richtig erinnere, auch im Staatswappen stand: Pravda vítězí - Die Wahrheit siegt. Zwar gibt es keine hundertprozentige Wahrheit und allzuoft gibt es auch mehrere Wahrheiten. Aber nehmen wir den Wahlspruch als im Grunde richtig an – dann ist es richtig, daß Brünn über Jahrhunderte von deutschem Geist, deutschem Wagemut, deutschem Organisationstalent, kurz von deutschem Einfluß geprägt wurde.

Der Wahrheit, oder sagen wir verbindlicher, der Suche nach der Wahrheit mißt auch der heutige Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, eine überaus große Bedeutung zu; auch der Wahrheit über die Vertreibung der Deutschen. Immer wieder stößt man bei ihm auf Äußerungen wie: "Es hat immer Sinn die Wahrheit zu sagen" oder "Die Wahrheit ist die gesündeste Sache".

So wollen auch wir, um bei der Wahrheit zu bleiben, nicht leugnen, daß in unserer Heimatstadt auch aus den tschechischen Bevölkerungsteilen Beiträge geleistet wurden, Impulse kamen, fruchtbare und anerkannte.

Das war zumindest solange so, bis der schon erwähnte, unselige Nationalismus auf beiden Seiten, bei den Tschechen wie bei den Deutschen, seine destruktiven Kräfte immer stärker entfaltete. Seine Auswirkungen waren Intoleranz, Herrschsucht, Ablehnung bis hin zum Haß.

Und so sehe ich es gerade für uns vertriebene Deutsche als besondere Aufgabe an, Brückenbauer zu sein. Zu arbeiten, solange wir es noch können, für ein humanes Zusammenleben von Tschechen und Deutschen, für ein Vergeben vergangener Sünden (was nicht Vergessen zu bedeuten braucht); sehe es als dankenswerte Aufgabe, mitzuhelfen bei einer Verständigung unserer beiden Nationen auf dem Wege in ein größeres Europa. Ähnlich, wie es Deutsche und Tschechen über lange Zeiträume in friedlicher Koexistenz und Zusammenarbeit in unserer Heimatstadt Brünn bewiesen haben. Mit dieser Vision, die zugleich ein Aufruf sein soll, schließe ich die Betrachtungen über das Brünner Stadtrecht und die Erinnerungen an die Geschichte unserer geliebten Heimatstadt Brünn.

 

Dies ist der 1200241. Aufruf dieser Seiten seit dem 01.02.2001.
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